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22.02.2017 - 12:00 -- Sonja Weber

Der geerbte Fasnachtskoffer

Sonjas Fasnachtsgeschichte zum Einstimmen...


                                                                                      

Der geerbte Fasnachtskoffer.

Sonja Weber.

Seit drei Monaten steht er nun in Julias kleiner Studentenbude. Dieses ungeheuer grosse Erbstück ihrer verstorbenen Grossmutter. Doch eigentlich mochte Julia den Koffer nicht öffnen. Zu gross war immer noch der Schmerz. Aber in vier Wochen war Fasnacht und sie hat versprochen in einem Costume ihrer Oma zu gehen. Nach einigem Zögern öffnet sie die Schlösser. In dem Geöffneten riecht es nach Mottenkugeln und Vergangenheit. Zaghaft nimmt sie einige der gesammelten und schön gefalteten Fasnachts-verkleidungen ihrer Oma raus. Da gab es dezent schimmerndes, grell leuchtendes und ganz viel Spitze und Federn. Oma Greta hatte immer eine grosse Freude am Verkleiden. Und manchmal wusste man nicht ist das jetzt eleganter Alltag oder Fasnacht. Im Deckel hängt ein Zettel darauf stand geschrieben "Pass auf die Stiefel auf". Julia suchte nach ihnen und fand ein Paar mit riesigklobigen Absätzen und Plateausolen in quitschgelb. Sie probiert sie an aber die Absätze wackeln bedenklich. Schnell packt sie die ganzen Sachen wieder in den Koffer, klemmt sich die Stiefel unter den Arm und verlässt das Haus.

 

Das ist eine Aufgabe für Schorle. Der Schuhmacher drei Häuser weiter wird von allen nur so gerufen. Er trinkt im Café oder auch in seiner Werkstatt immer nur Apfel-schorle. Und weil sein türkischer Name ziemlich schwierig ist nennt ihn das ganze Quartier einfach nur der Schorle. Tschau Schorle, ruft Julia beim Eintreten. Kannst du mal sehen ob Du die Absätze wieder befestigen kannst? Ich stelle sie auf den Tisch. Ruf mich bitte an wenn du fertig bist, ich muss zur Uni.

Keine zwei Stunden später vibriert das Telefon in Julias Tasche. Eine Mitteilung: Komm sofort vorbei, Gruss Schorle. Neugierig verlässt Julia das Unigebäude und steht wenige Minuten später in der kleinen Werkstatt in der es nach Leim und Leder riecht. Was konnte es nur sein fragt sie sich. Sieh dir das an, Schorle ist ganz aufgeregt. Auf dem kleinen Tisch stehen die gelben Stiefel ohne Absätze und daneben ganz klein zusammen gefaltet einige Banknoten. Julia entfaltet sie, es sind fünftausend Franken. Und im Innern eines Stiefels fand sich noch eine Mitteilung. Für Deine Studien in England. Kuss Oma Greta.

 

Gerührt fällt Julia Schorle um den Hals und entschuldigt sich sofort. Ich musste einfach jemanden fest drücken.

Und am Morgestraich um vier Uhr in der Früh sieht man eine überglückliche Julia. Sie trägt ein wunderschönes Kleid, einen Hut mit tausend wippenden Federn und natürlich die quitschgelben Stiefel. Und wie das Licht in der ganzen Stadt ausgeht blickt Julia zum Himmel und flüstert ganz leise, danke danke liebe Oma.

 

ZürichBasel Februar 2017